Was sind multiresistente Keime?
Multiresistente Keime sind Bakterien, die gegen mehrere oder sogar alle gängigen Antibiotika widerstandsfähig geworden sind. Solche Bakterien lassen sich nur noch schwer therapieren, da die bekannten Medikamente nicht mehr ausreichend greifen. Bekannte Beispiele sind MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus), VRE (Vancomycin-resistente Enterokokken), ESBL-bildende Erreger (Extended-Spectrum Beta-Laktamasen, z. B. in E. coli) oder Carbapenem-resistente Bakterien (CRE). All diese Erreger stellen ein gravierendes Problem dar, insbesondere im Gesundheitswesen, wo sie schwere Infektionen bei ohnehin geschwächten Patienten verursachen können.
Der Begriff „multiresistent“ bedeutet, dass ein Bakterium Resistenzen gegen mehrere Antibiotikaklassen erworben hat. Der zentrale Grund dafür liegt in genetischen Veränderungen (Mutationen, Austausch von Resistenzgenen). Häufig begünstigt durch übermäßigen oder falschen Antibiotikaeinsatz (auch in der Tierzucht) entwickeln die Bakterien Resistenzen. Die Folge: Wundinfektionen, Lungenentzündungen oder Harnwegsinfektionen werden schwer behandelbar, es kommt zu verlängerten Klinikaufenthalten, erhöhten Therapiekosten und einem gesteigerten Sterberisiko.
Im Folgenden erläutern wir, welche multiresistenten Bakterien besonders häufig auftreten, wie sie übertragen werden, welche Risikofaktoren und Folgen (v. a. im Krankenhaus) entstehen und welche Präventions- und Therapiemaßnahmen existieren, um die Verbreitung zu bekämpfen.
Video: Multiresistente Keime einfach erklärt
Dieses (Beispiel-)Video veranschaulicht, warum Bakterien Resistenzen bilden, wie sich multiresistente Keime verbreiten und warum Hygiene und verantwortungsvoller Antibiotikaeinsatz entscheidend sind:
Bekannte multiresistente Erreger (MRE)
Unter dem Oberbegriff MRE (multiresistente Erreger) oder MDRO (Multidrug-Resistant Organisms) fallen verschiedene Bakterienarten, die gegen mehrere Antibiotikagruppen unempfindlich sind:
1. MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus)
- S. aureus ist ein häufiges Bakterium auf Haut und Schleimhäuten. Viele Menschen tragen es als „normale“ Hautflora (Kolonisation), ohne krank zu sein.
- MRSA-Stämme sind jedoch gegen Methicillin und meist auch weitere Beta-Laktam-Antibiotika resistent. Infektionen (Wundinfekte, Pneumonien, Sepsis) können lebensbedrohlich werden.
- Man unterscheidet:
- HA-MRSA (hospital-acquired): in Krankenhäusern erworben
- CA-MRSA (community-acquired): in der Allgemeinbevölkerung
- LA-MRSA (livestock-associated): in Nutztierhaltung (z. B. Schweine)
2. ESBL-bildende Bakterien
- ESBL (Extended-Spectrum Beta-Laktamase)-produzierende Keime, meist E. coli oder Klebsiella, produzieren Enzyme, die viele Beta-Laktam-Antibiotika (Penicilline, Cephalosporine) zerstören können.
- Dadurch sind sie resistent gegen gängige Antibiotikagruppen. Häufige Infektionen: Harnwegsinfekte, Wundinfektionen, Sepsis.
- In den letzten Jahren starke Zunahme auch außerhalb von Kliniken, z. B. in der Tiermast und über Lebensmittelketten (Geflügel, Fleisch).
3. VRE (Vancomycin-resistente Enterokokken)
- Enterokokken (z. B. E. faecium, E. faecalis) sind Darmbakterien. Resistenzen gegen das Reserveantibiotikum Vancomycin erschweren die Therapie.
- Klinisch besonders relevant bei immungeschwächten Patienten, Langzeitantibiotika, intensivmedizinischer Behandlung. Infektionen: Harnwegsinfekte, Endokarditis, Sepsis.
4. Carbapenem-resistente Erreger (CRE)
- Carbapeneme (z. B. Meropenem, Imipenem) gelten als letzte therapeutische Reserve, wenn andere Antibiotika versagen.
- CRE (Carbapenem-resistant Enterobacterales) oder KPC (Klebsiella pneumoniae carbapenemase), NDM-1 spalten Carbapeneme. Infektionen oft quasi untherapierbar.
- Betroffen sind v. a. Klebsiella pneumoniae, Acinetobacter baumannii, Pseudomonas aeruginosa. Insbesondere auf Intensivstationen sehr gefährlich.
5. Weitere MRE-Beispiele
- MRGN (Multiresistente Gramnegative Stäbchen), eingeteilt in 3MRGN, 4MRGN, je nach Anzahl unwirksamer Antibiotikagruppen.
- Clostridioides difficile – keine klassische Beta-Laktam-Resistenz, aber schwer zu bekämpfen (chronische Diarrhö, Kolitis). Antibiotika fördern dessen Wachstum.
Für die meisten dieser Erreger stehen nur noch Reserveantibiotika (z. B. Colistin, Tigecyclin) zur Verfügung, die oft starke Nebenwirkungen haben und nicht immer verfügbar sind.
Übertragung und Risikofaktoren von multiresistenten Keimen
Die Hauptübertragungswege für multiresistente Keime sind:
- Kontaktinfektion über kontaminierte Hände (Personal, Besucher), medizinische Geräte, Oberflächen. Unzureichende Händehygiene ist ein Schlüsselfaktor.
- Lebensmittel: bei ESBL-Keimen, die über Fleisch, Rohmilchprodukte oder Rohkost verbreitet werden können. Unzureichendes Garen oder Hygienefehler in der Küche erhöhen das Risiko.
- Tierhaltung (Nutztiermast mit Antibiotikaeinsatz), wodurch resistente Bakterien ins Abwasser und auf Lebensmittel gelangen.
- Patient-zu-Patient-Übertragung via medizinische Instrumente, Katheter, Beatmungsgeräte, wenn sterile Einmalkunststoffe mehrfach gebraucht oder Hygieneprotokolle verletzt werden.
Risikogruppen für Infektionen mit MRE sind v. a.:
- Krankenhauspatienten (operative Wunden, Katheter, Abwehrschwäche)
- Pflegeheimbewohner mit chronischen Wunden, Sonden, engen Kontaktbedingungen
- Immungeschwächte (z. B. HIV, Chemotherapie, Dialysepatienten)
- Langzeit-Antibiotika-Anwender, etwa bei chronischen Infektionen
- Personen in Regionen mit schlechtem Hygienestandard oder hohem Antibiotika-Missbrauch
Symptome und Komplikationen
Multiresistente Bakterien verursachen ähnliche Infektionen wie ihre nichtresistenten Varianten, allerdings sind sie schwieriger zu therapieren und oft aggressiver in ihrem Verlauf. Beispiele:
- Wundinfektionen nach Operationen: verzögerte Heilung, Eiterungen, Sepsisgefahr
- Pneumonien, v. a. bei beatmeten Patienten (Ventilator-assoziierte Pneumonie)
- Harnwegsinfektionen, Nierenbeckenentzündung bis hin zur Urosepsis
- Weichteilinfektionen, Abszessbildung
- Knocheninfektionen (Osteomyelitis), speziell bei Implantaten oder Prothesen
- Sepsis (Blutvergiftung), lebensbedrohlich, wenn kein wirksames Antibiotikum gefunden wird
Eine **MRSA-Sepsis** oder **Klebsiella-Sepsis** kann rasch zu multiorganem Versagen führen, gerade bei bereits kranken Patienten (z. B. Intensivstation). Komplikationen sind u. a. Verlängerte Krankenhausaufenthalte, höhere Kosten (Isolation, teure Reserveantibiotika, intensivierte Pflege) sowie ein erhöhtes Sterberisiko. Besonders in der Intensivmedizin führen multiresistente Erreger zu bedrohlichen Situationen.
Diagnose einer Infektion mit multiresistenten Erregern
Der Nachweis multiresistenter Erreger erfolgt durch Mikrobiologische Kulturen und Resistenztestung (Antibiogramm). Typische Schritte:
- Abstriche (z. B. Nasen-/Rachenabstrich bei MRSA, Wundabstrich, Stuhlprobe bei ESBL). Bei Kontaktpatienten in Krankenhäusern werden mitunter Screening-Abstriche gemacht, um Besiedlung aufzudecken.
- Blutkultur bei Verdacht auf Sepsis.
- Urin-Kultur bei Harnwegsinfektion.
Im Labor werden die Bakterien angezüchtet, Resistenzmuster (z. B. Resistenz gegen Oxacillin, Cephalosporine, Carbapeneme) ermittelt und das Antibiogramm erstellt. So weiß man, ob MRSA, ESBL oder andere Resistenzmechanismen vorliegen. Bei Hygienemaßnahmen in Krankenhäusern ist ein systematisches Screening (z. B. bei Aufnahme auf Intensivstation) üblich, um Patienten mit MRSA/ESBL früh zu identifizieren und zu isolieren.
Behandlung nach einer Infektion
Die Therapie einer Infektion mit multiresistenten Erregern erfordert oft Reserveantibiotika oder Kombinationstherapien. Beispiele:
- MRSA: Mittel der Wahl ist häufig Vancomycin, Teicoplanin oder Linezolid. Bei Vancomycin-Resistenz (VRSA) bleiben sehr wenige Optionen.
- ESBL-bildende Enterobakterien: z. B. Carbapeneme (Imipenem, Meropenem). Bei Carbapenem-Resistenz (CRE) bleiben Colistin, Tigecyclin oder neue Antibiotika-Kombinationen.
- VRE: Alternativen sind Linezolid, Daptomycin, ggf. Tigecyclin – je nach Resistenzlage.
- Carbapenem-resistente Bakterien (KPC, NDM-1): Häufig nur Colistin oder neuere Wirkstoffe (Ceftazidim-Avibactam, Meropenem-Vaborbactam, etc.).
Hohe Toxizität und eingeschränkte Wirksamkeit machen diese Therapie schwierig.
Die klinische Therapie orientiert sich am Antibiogramm und dem Infektionsfokus. Zudem sind supportive Maßnahmen nötig (Wundsanierung, Drainagen, intensivmedizinische Überwachung). Ein chirurgisches Debridement kann bei Wundinfektionen erforderlich sein. Patientensicherheit (Isolation, spezielle Pflege) ist wichtig, um Ausbreitung auf andere Patienten zu verhindern.
Bei **Besiedlung ohne Infektion** (z. B. MRSA in der Nase) kann in einigen Fällen eine Eradikation (Mupirocin-Salbe für Nasenvorhöfe, antiseptische Waschungen) sinnvoll sein, insbesondere im Krankenhausumfeld.
Vorbeugung und Hygienemaßnahmen
**Prävention** ist die beste Strategie gegen multiresistente Keime, da Behandlung oft sehr schwierig wird. Wichtige Bereiche:
- Rationale Antibiotikaverordnung: Keine unnötigen Antibiotika bei Virusinfekten, richtige Auswahl (Schmalspektrum vs. Breitspektrum), angepasste Therapiedauer, um Resistenzbildung zu minimieren.
- Händehygiene: Regelmäßiges richtiges Händewaschen (mind. 30 Sek. Seife) und Desinfektion sind entscheidende Maßnahmen, um Transmission zu verhindern. Gilt für medizinisches Personal, Besucher und Patienten.
- Isolierung infizierter/kolonisierter Patienten: Einzelzimmer oder Kohortenisolierung im Krankenhaus, Schutzkittel, Handschuhe, Mundschutz bei Kontakt.
- Screening auf MRSA/ESBL etc. bei Aufnahme auf Intensivstation oder Risikopatienten (z. B. Dialyse), um rasche Isolation zu ermöglichen.
- Desinfektion von Geräten und Flächen: Wischdesinfektion mit geeigneten Mitteln (z. B. gegen MRSA oder gramnegative Erreger). Medizinische Instrumente streng steril oder Einmalgebrauch.
- Schulungen für medizinisches Personal über Hygieneprotokolle, korrekte Schutzkleidung, Umgang mit Antibiotika.
- Lebensmittelhygiene: ausreichendes Erhitzen von Fleisch, Trennung von rohen/gekochten Produkten, saubere Arbeitsflächen.
- Einschränkung Massentierhaltung: reduzierter Antibiotikaeinsatz in der Tierzucht, strengere Kontrollen, um Resistenzübertragung zu reduzieren.
Jeder kann im Alltag dazu beitragen, multiresistente Keime einzudämmen – mit konsequentem Händewaschen, bewusster Antibiotikaverwendung und korrekter Lebensmittelzubereitung.
Häufige Fragen (FAQ) zu multiresistenten Keimen
Bin ich bei Kontakt mit einem MRSA-positiven Menschen automatisch infiziert?
Nicht unbedingt. MRSA-Kolonisation bedeutet, dass der Betroffene das Bakterium auf Haut/Schleimhaut trägt. Eine Übertragung erfordert intensiven, ungeschützten Kontakt (Hände, Wunden). Eine Infektion entsteht, wenn das Bakterium in Wunden, Schleimhäute oder Blutbahn gelangt. Für gesunde Personen mit intaktem Immunsystem ist das Risiko gering, aber Hygienemaßnahmen (Händewaschen, Handschuhe) sind dennoch wichtig.
Was bedeutet ESBL im Harntrakt?
Wenn ESBL-bildende E. coli oder ähnliche Erreger im Urin nachgewiesen werden, besteht häufig eine Harnwegsinfektion, resistent gegen viele Beta-Laktam-Antibiotika. Man braucht dann häufig ein Carbapenem (z. B. Meropenem) oder andere Reserveantibiotika. Manche Patienten sind nur besiedelt ohne Symptome – dann erfordert es nicht immer eine Therapie, außer in besonderen Situationen (OP, Immunschwäche).
Wie gefährlich ist MRSA?
Für immunkompetente Menschen ohne Wunden ist eine MRSA-Besiedlung meist ungefährlich. Gefährlich wird MRSA bei chronischen Wunden, OP-Situs, Kathetern, Pneumonie oder Sepsis. Dann ist die Behandlung herausfordernd, weil man auf Reserveantibiotika angewiesen ist. Im Krankenhaus trägt MRSA zu Infektionsausbrüchen und hoher Morbidität bei.
Warum treten multiresistente Keime besonders im Krankenhaus auf?
Im Krankenhaus erhalten viele Patienten Antibiotika, was den Selektionsdruck auf Bakterien erhöht. Zudem sind viele Menschen mit Wunden, Kathetern, geschwächtem Immunsystem vor Ort, was Infektionen und Besiedlungen fördert. Wenn Hygiene- und Isolationsmaßnahmen nicht konsequent eingehalten werden, verbreiten sich Keime rasant.
Was kann ich selbst tun, um mich zu schützen?
– Gründliches Händewaschen mit Seife (mind. 30 Sek.) nach Klinikbesuchen, Toilettengang, Kontakt mit rohem Fleisch.
– Antibiotika nur bei klarer ärztlicher Indikation nehmen, Packung korrekt zu Ende (kein vorzeitiges Absetzen).
– Lebensmittel hygienisch zubereiten, Fleisch durchgaren.
– Im Krankenhaus: Auf konsequente Händedesinfektion bestehen, bei Bedarf eigenes Desinfektionsmittel nutzen.
Das können Sie als nächstes tun
- Hygiene ernst nehmen: Ob zu Hause oder in der Klinik – waschen Sie regelmäßig und gründlich die Hände. Nutzen Sie Desinfektionsmittel bei Bedarf. Mehr Infos zu den 5 Moments of Hand Hygiene in unserer Wissensdatenbank.
- EVA – Beatmungsunterstützung: Patienten mit Schlafapnoe oder chronischer Lungenerkrankung sind anfälliger für Infektionen, auch mit resistenten Erregern. Unsere EVA-Beatmungslösungen können helfen, die Atemwege zu stabilisieren und das Infektionsrisiko zu senken. Sprechen Sie uns an.
- Verantwortungsvoller Antibiotikagebrauch: Fragen Sie Ihren Arzt, ob Antibiotika wirklich nötig sind. Halten Sie sich an Dosierung und Dauer, um Resistenzbildung vorzubeugen.
- Risikofaktoren reduzieren: Wenn Sie an Adipositas oder Diabetes leiden, beachten Sie gute Blutzuckereinstellung und Wundpflege. Eine robuste Immunabwehr und sorgfältige Hygiene verringern die Gefahr einer Infektion mit MRE.
Rechtlicher Hinweis
Dieser Artikel über multiresistente Keime dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle medizinische Beratung. Bei Verdacht auf oder Kontakt mit MRSA, ESBL & Co. konsultieren Sie bitte umgehend medizinisches Fachpersonal. Die genannten Maßnahmen (Isolierung, Antibiotikawahl, etc.) sind je nach Fall unterschiedlich. Obwohl sorgfältig recherchiert, übernehmen wir keine Gewähr für Aktualität oder Vollständigkeit.