Manche Menschen mit COPD, die nachts nicht-invasiv beatmet werden, erleben direkt nach dem Abnehmen der Maske starke Atemnot. Fachleute sprechen dann vom Deventilationssyndrom. Dieser Artikel erklärt, was dahintersteckt, wer besonders betroffen ist und welche Anpassungen der Beatmung helfen können. Das ist im Alltag wichtig, denn die Beschwerden erschweren den Start in den Tag.
Was ist das Deventilationssyndrom?
Das Deventilationssyndrom beschreibt Atemnot, die kurz nach dem Ende der nicht-invasiven Beatmung auftritt. Eine einheitliche Definition gibt es bisher nicht. In der ersten der beiden vorliegenden Untersuchungen gilt das Kriterium als erfüllt, wenn die Atemnot innerhalb von 30 Minuten nach dem Abnehmen der Maske um mindestens zwei Punkte auf der Borg-Skala zunimmt. Auf dieser Skala schätzen Patienten ihre Atemnot selbst von 0 bis 10 ein, wobei höhere Werte für stärkere Atemnot stehen.
In den beiden kleineren Klinik-Untersuchungen erfüllten 58 beziehungsweise 35 Prozent der untersuchten COPD-Patienten unter nicht-invasiver Beatmung die jeweils verwendeten Kriterien. Die zweite Untersuchung wertete bereits eine subjektive Verschlechterung zusammen mit mindestens drei Punkten auf der Borg-Skala nach dem Abnehmen der Maske, ohne festes Zeitfenster. Die Zahlen sind deshalb nicht direkt vergleichbar. Wie häufig das Syndrom insgesamt vorkommt, ist bislang nicht gesichert. In einer der beiden Untersuchungen spürten die meisten Betroffenen die Beschwerden schon in den ersten 10 Minuten nach dem Abnehmen der Maske.
Welche Symptome treten auf?
- Plötzliche Atemnot direkt nach dem Abnehmen der Maske
- Eine messbar beschleunigte Atmung
- Deutlich eingeschränkte Belastbarkeit am Morgen, etwa auf kurzen Gehstrecken
- Unruhe, in einzelnen Fällen bis hin zu Panikattacken. Beschrieben ist sowohl Angst vor der Nutzung der Beatmung als auch Angst vor dem Abnehmen der Maske am Morgen
- Schlechtere Werte in standardisierten Fragebögen zu Beschwerden und Lebensqualität
In einer der beiden Untersuchungen war die Atemnot nach etwa 60 Minuten wieder auf dem gewohnten Niveau. In der zweiten war sie nach einer Stunde noch vorhanden und ging erst über mehrere Stunden deutlich zurück. Auch Belastbarkeit und Lungenfunktion erholen sich noch über Stunden weiter.
Halten Sie solche Beschwerden nicht für eine unvermeidbare Begleiterscheinung der Beatmung. Einen Überblick über weitere mögliche Nebenwirkungen gibt der Artikel Beatmungstherapie: Nebenwirkungen und was hilft.
Wer ist besonders betroffen?
Untersucht wurde das Syndrom bisher bei Menschen mit fortgeschrittener COPD, bei denen die Lunge stark überbläht ist. In einer der beiden Untersuchungen überwog dabei das Lungenemphysem. Betroffene unterschieden sich in jeweils einer der beiden Untersuchungen zusätzlich in diesen Punkten:
- ein deutlich erhöhter Atemwegswiderstand
- eine stark eingeschränkte Einsekundenkapazität (FEV1), also die Luftmenge, die Sie nach tiefem Einatmen in der ersten Sekunde kräftig ausatmen können
- höhere Kohlendioxidwerte im Blut außerhalb der Beatmungszeit, allerdings nur in einer der beiden Untersuchungen
- eine lange Raucher-Vorgeschichte
Diese Merkmale sind Hinweise, keine Diagnose. Ob bei Ihnen ein Deventilationssyndrom vorliegt, beurteilt Ihr behandelnder Arzt.
Was sind die Ursachen?
Während der Beatmung unterstützt das Gerät Ihre Atmung. Betroffene atmen in dieser Zeit deutlich leichter. Fällt die Unterstützung weg, muss der Körper die Atemarbeit abrupt wieder allein leisten. Bei stark überblähter Lunge gelingt das nur mit hohem Aufwand.
Die Forschung ist hier unterschiedlich weit:
- Zwerchfellfunktion. In einer Untersuchung bewegte sich das Zwerchfell im gesamten untersuchten Kollektiv am Morgen nach der Beatmungsnacht messbar weniger als am Vortag. Zwischen Betroffenen und Nichtbetroffenen ergab sich dabei kein gesicherter Unterschied. Als alleinige Erklärung reicht der Befund deshalb nicht aus.
- Zunehmende Überblähung der Lunge. Dass die Lunge bei Betroffenen dauerhaft überbläht ist, wurde gemessen. Dass die Überblähung nach dem Abnehmen der Maske weiter zunimmt, weil die Luft nicht vollständig ausgeatmet wird, ist bislang eine Erklärung der Fachleute.
- Schnellere Atmung. Betroffene atmen nach dem Abnehmen der Maske messbar schneller als Nichtbetroffene. Die Messung des Atemantriebs ergab dagegen keinen gesicherten Unterschied. Warum die Atemfrequenz steigt, ist noch nicht abschließend belegt. Diskutiert werden höhere Kohlendioxidwerte, die stärkere Verengung der Atemwege und die zunehmende Überblähung.
- Unzureichende Abstimmung zwischen Patient und Gerät. Untersucht ist dieser Punkt bislang nicht. Wie die Abstimmung funktioniert, erklärt der Artikel Was sind Trigger bei NIV-Beatmung.
Was hilft? Therapieoptionen mit Arzt und Versorger besprechen
Zuerst das Wichtigste: Brechen Sie die Beatmung nicht eigenständig ab und verkürzen Sie die Therapiedauer nicht ohne ärztliche Rücksprache. Das Deventilationssyndrom ist ein Anlass, die Einstellung zu prüfen, kein Grund, die Therapie zu beenden.
Sprechen Sie die Beschwerden bei Ihrem behandelnden Arzt oder im Schlaflabor an. Übliche Ansatzpunkte sind:
- Anpassung von Druck und Geräteeinstellung. In einer der beiden Untersuchungen wird ein hoher Einatemdruck als mögliche Mitursache diskutiert.
- PLBV-Modus (Pursed Lip Breathing Ventilation). Das Beatmungsgerät bildet die Lippenbremse technisch nach. Beim Ausatmen erzeugt es einen geregelten Gegendruck. Er soll die Ausatmung erleichtern, damit die Lunge weniger überbläht. In einer kleinen Untersuchung an zehn Betroffenen nahm die morgendliche Atemnot in einer einzelnen Nacht ab, wobei zugleich ein niedrigerer Einatemdruck eingestellt war. Für eine allgemeine Empfehlung reicht diese Datenlage noch nicht aus. nova:med setzt das Prinzip im Beatmungsgerät eva ein.
- Atemphysiotherapie. Die Lippenbremse gehört als bewusste Atemtechnik zur üblichen COPD-Behandlung und lässt sich auch tagsüber anwenden.
Wie die nicht-invasive Beatmung grundsätzlich funktioniert, erklärt der Artikel NIV-Therapie: Nicht-invasive Beatmung.
Wann sollten Sie reagieren?
Sprechen Sie Ihren Arzt und Ihren Versorger an, wenn:
- die Atemnot regelmäßig nach dem Abnehmen der Maske auftritt,
- Sie morgens über längere Zeit kaum belastbar sind,
- Sie deshalb erwägen, die Beatmung früher zu beenden oder ganz auszusetzen.
nova:med begleitet die Beatmungsversorgung und stimmt Anpassungen der Geräteeinstellung mit Ihrem Arzt ab. Wenn Sie unsicher sind, erreichen Sie uns telefonisch oder über unser Kontaktformular.
Fazit
Das Deventilationssyndrom trat in den vorliegenden Untersuchungen häufig auf und findet bislang wenig Beachtung. Es ist kein Grund, die Beatmung eigenständig infrage zu stellen. Ob sich die Situation durch eine angepasste Einstellung verbessern lässt, prüft Ihr behandelnder Arzt im Einzelfall. Der nächste Schritt ist deshalb ein Gespräch mit ihm.
Häufige Fragen
Ist das Deventilationssyndrom gefährlich?
Die Beschwerden sind belastend. Die Atemnot geht in den vorliegenden Untersuchungen innerhalb von etwa einer Stunde bis zu einigen Stunden deutlich zurück. Wie lange sie im Einzelfall anhält und welche Folgen das Syndrom langfristig für die Therapie hat, ist bislang nicht untersucht. Verkürzen oder beenden Sie die Beatmung deshalb nicht eigenständig, sondern sprechen Sie die Beschwerden bei Ihrem Arzt an.
Sollte ich die NIV-Therapie deshalb abbrechen?
Nein. Die nicht-invasive Beatmung unterstützt Ihre Atmung in der Nacht und senkt den Kohlendioxidgehalt im Blut. Das Syndrom ist ein Grund, die Einstellung zu überprüfen, nicht die Therapie zu beenden.
Was ist der PLBV-Modus und welches Gerät bietet ihn?
PLBV steht für Pursed Lip Breathing Ventilation. Das Gerät ahmt die Lippenbremse nach und erzeugt beim Ausatmen einen geregelten Gegendruck, damit die Luft besser entweichen kann. Bei nova:med ist dieses Prinzip im Beatmungsgerät eva umgesetzt. Ob der Modus für Sie geeignet ist, entscheidet Ihr behandelnder Arzt.
Tritt das Syndrom nur bei COPD auf?
Untersucht ist es bislang nur bei fortgeschrittener COPD unter Heimbeatmung. In beiden Untersuchungen stand dabei die Lungenüberblähung im Vordergrund. Ob es auch bei anderen Erkrankungen vorkommt, ist offen. Atemnot nach dem Abnehmen der Maske gehört in jedem Fall ärztlich abgeklärt.
Quellen
Die medizinischen Angaben in diesem Artikel stützen sich auf zwei begutachtete Studien aus dem Jahr 2022:
- Schellenberg MD, Imach S, Iberl G, Kirchner M, Herth F, Trudzinski F: Clinical characterization and possible pathophysiological causes of the Deventilation Syndrome in COPD. Scientific Reports 2022;12:1099. doi.org/10.1038/s41598-022-05118-w
- Lüthgen M, Rüller S, Herzmann C: Characteristics of the deventilation syndrome in COPD patients treated with non-invasive ventilation: an explorative study. Respiratory Research 2022;23:13. doi.org/10.1186/s12931-022-01924-y
Beide Studien wurden an jeweils einem Zentrum durchgeführt und umfassen kleine Patientengruppen. Die Ergebnisse geben die derzeit beste verfügbare Orientierung, sind aber nicht auf alle Beatmungspatienten übertragbar.